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Vom Verhältnis zwischen Schmetterling und Schmetterlingskunde

Gegenwartsliteratur in der Abteilung Literaturwissenschaft am Germanistischen Institut

Dass die Aufklärung für ein Hallenser Germanistisches Institut einen Forschungsschwerpunkt bildet, leuchtet jedem ein, der die Spitzenstellung der halleschen Reformuniversität in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im altdeutschen Reich kennt. Sichtbare Zeichen einer bis auf den heutigen Tag anhaltenden Wissenschaftstradition sind neben der Leopoldina jene Institutionen, die in enger Zusammenarbeit, zum Teil auch in Personalunion mit der Philosophischen Fakultät gerade in jüngster Zeit entstanden sind: das Interdisziplinäre Zentrum für Erforschung der Europäischen Aufklärung, das Pietismus-Zentrum und die eigenständigen Franckeschen Stiftungen.

Literaturgeschichte wurde in der Region aber nicht nur in einem vergangenen Jahrhundert, sondern auch in den letzten Jahrzehnten geschrieben; erinnert sei nur an den "Bitterfelder Weg", dessen Zusammenführung von Kopf- und Handarbeit sich am Ende als hohe Gratwanderung zwischen parteilicher Doktrin und ästhetischer Provinzialität erwies, oder an die zentrale Bedeutung des Mitteldeutschen Verlags für zeitgenössische DDR-Autoren vom Range Christa Wolfs oder Volker Brauns. Die an der Martin-Luther-Universität tätigen ostdeutschen Kollegen haben mit ihrer Hinwendung zur DDR-Literatur zum einen ihre kulturelle Prägung und die der Studierenden aufgearbeitet, zum anderen beiläufig auch ein Kapitel lokaler deutscher Literaturgeschichte geschrieben. Westdeutschen GermanistInnen vermittelte die Beschäftigung mit DDR-Literatur vor Ort ein tieferes mentalitätsgeschichtliches Verständnis für ostdeutsche Identitäten. Die bundesweite, ja internationale Aufregung, für die der "deutsch-deutsche Literaturstreit" sorgte, lässt sich wohl am ehesten dadurch erklären, dass der Streit um Literatur zum Stellvertreterkrieg für Lebenshaltungen und Lebensgeschichten wurde, und dies nicht nur in den Vor-, sondern auch in den Nachwende-Zeiten. Um so sinnvoller scheint es, wenn sich die zu Objektivierung verpflichtete Literaturwissenschaft diesem Streitgegenstand widmet und so zur Versachlichung der Debatten beitragen kann, auch auf die Gefahr hin, dadurch möglicherweise selbst in die Auseinandersetzungen gezogen zu werden.

Im Herbst 1994 führte die "Literatur der Wendezeit" SchriftstellerInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen und LehrerbildnerInnen aus ganz Deutschland in das kleine Harzstädtchen Katlenburg, wo Pfarrer Weskott "entsorgte" DDR-Literatur lagerte und rettete. Die in diesem Umfeld herausgegebene dreibändige Anthologie "Von Abraham bis Zwerenz" versammelte AutorInnen mit Herkunft oder Wohnort neue Bundesländer; sie verstand sich in ihrem Untertitel ausdrücklich als "Beitrag zur geistig-kulturellen Einheit in Deutschland". Auf dieser Tagung wurde auch eine "Projektskizze" zu Forschungsschwerpunkten und Lehrveranstaltungen des Hallenser Germanistischen Institutes vorgestellt:

Ausgehend davon, dass pauschal von "der DDR-Literatur" nie gesprochen werden sollte, wird nach Generationsprägungen und Fraktionsbildungen, historischen Diskurs- und literarischen Vertextungsmustern, nach stilistischen Mitteln und Traditionsfortschreibungen bzw. -brüchen gefragt. "DDR-Literatur" ist kein konsensuell abgegoltenes Sammelgebiet. Das Korsett von Wohnsitz oder Verlagsort, offenbare "Linie" und Tradition der Literaturgeschichtsschreibung in der DDR, war von vornherein ein Instrument ideologischer Ausgrenzung und ist zudem auch als inhaltliches Kriterium zu eng und inakzeptabel; eine umgekehrte Verfahrensweise wäre dies allerdings ebenso.

In zwei Richtungen hat sich das Feld der Betrachtung zu erweitern. Die erste ist retrospektiv: Aufzunehmen in die literaturwissenschaftlichen Betrachtungen sind zum einen die in der DDR entstandenen, doch ungedruckt gebliebenen Texte, einzubeziehen sind auch und gerade die aus der DDR exilierten AutorInnen. Die zweite ist prospektiv: Jene, die ihre Sozialisierung in der DDR erfuhren, schreiben weiter, und nicht zuletzt, wie ein Blick in die Bücher gerade des letzten Dezenniums zeigt, mit einer wie auch immer gerichteten oder richtenden Sicht auf Vergangenheit und Gegenwart.

Dem eingedenk, widmete sich die Abteilung Literaturwissenschaft des Germanistischen Institutes in der Forschung wie in der Lehre auf das erweiterte Feld der ost- bzw. gesamtdeutschen Literatur. In den Seminaren kam man über "Klassiker" wie Bertolt Brecht, Johannes Bobrowski, Christa Wolf und Franz Fühmann ebenso ins Gespräch wie über die exilierte und "Underground"-Literatur. Überblicksveranstaltungen nahmen Epochen und Genres (Lyrik und Dramatik, Kinder- und Jugendliteratur) der DDR-Literatur und der Literatur der neunziger Jahre in den Blick. Nicht zuletzt bereicherten auch jene am Hallenser Germanistischen Institut nur kurzzeitig verweilenden WissenschaftlerInnen, kenntnisreiche und ausgewiesene ForscherInnen und LehrerInnen der DDR-Literatur, diesen Schwerpunkt, erfolgten Neu- bzw. Vertretungsbesetzungen von Stellen auch unter diesem Aspekt.

Die unter dem Thema "Wechselseitige Wahrnehmungen" 1995 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie an der Universität Halle durchgeführte Tagung machte deutlich, wie die Gravuren von Sozialisierungserfahrungen literarisch sehr unterschiedliche Spuren hinterlassen haben. Als ein mögliches Kriterium für die Bewertung von Literarizität von Texten wurde in diesem Zusammenhang - neben anderem - das Vermögen deutlich, Wirklichkeitserfahrungen in Muster zu bringen, überzeugende Modelle zu formulieren und nicht Klischees fort- oder neuzuschreiben. Dabei hat sich Literaturgeschichtsschreibung ihrer eigenen Historizität - in Bezug auf Kanonbildung, Wertungsmustern usw. - selbstreflexiv und also skeptisch zu stellen.

Mit den seminaristisch vorbereiteten Lese- und Gesprächsreihen mit Schriftstellern aus verschiedenen Generationen und Herkünften versuchte das Germanistische Institut in den letzten beiden Jahren, jene Tradition fortzuschreiben und zugleich den akademischen Zirkel in zwei Richtungen zu öffnen: Zum einen werden theoretische Erkenntnisse und Fähigkeiten der Studierenden in praxi erprobt, zum anderen setzen wir auf die Resonanz der außeruniversitären Öffentlichkeit - aus dem Vertrauen, dass die Brisanz und Attraktivität der angeschnittenen Fragen nichts an Aktualität verloren hat. Die Frage nach dem, "Was bleibt", um mit Christa Wolfs Prosatext den Anlass des erwähnten Literaturstreites ins Gedächtnis zu rufen, kann auch im Jahre 10 der deutschen Einheit noch nicht mit Bestimmtheit beantwortet werden. Manches literarisch eher mindere Produkt wird als Zeugnis für oder gegen den Mainstream der Zeit, für Opportunismus oder Opposition "bleiben", mancher ästhetisch anspruchsvolle Text wird im Saisontrubel des Literaturbetriebes zunächst untergehen.

Für Andreas Riem, Zeitgenosse Lessings, bestand "Aufklärung" in der "Berichtigung der Begriffe" - eine Definition, die als Maxime auch einer modernen Literaturwissenschaft dienen kann, die sich auf historische Nähe einlässt. Meinungsvielfalt und kulturelle Polyphonie entdeckte man schließlich schon in der Aufklärung als Bereicherung.

Literatur ist nicht nur als wissenschaftliches Objekt ein nach vielen Seiten "weites Feld", zeitgenössische erst recht. Die Gefahr, dass sich Literatur und Literaturwissenschaft nach einem Vergleich Christoph Heins wie Schmetterling und Schmetterlingskunde verhalten, besteht zugegebenermaßen: Ist das Objekt der Begierde erst katalogisiert und eingeordnet, ist es zugleich auch aufgespießt und tot.

Eine lebendige Beschäftigung mit aktueller Literatur - sei es in der akademischen Lehre und Forschung, in öffentlichen Veranstaltungen oder in Reihen wie der "edition STEKO", die junge hallesche Autoren fördert - zeugt von der ungebrochenen Vitalität der Literatur.

Manfred Beetz und Jürgen Krätzer


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